Protein gilt als Held unserer Zeit: Es macht satt, baut Muskeln auf, stabilisiert den Blutzucker – und ist fester Bestandteil von Fitness-, Low-Carb- und Keto-Narrativen. Gleichzeitig sorgen große Ernährungsstudien regelmäßig für Schlagzeilen wie „Zu viel Protein verkürzt das Leben“ oder „Low Carb erhöht die Sterblichkeit“. Was stimmt denn nun?
In dieser Folge räumen wir zuerst mit einem grundlegenden Missverständnis auf: Ernährungsstudien liefern selten klare Antworten – nicht weil die Wissenschaft schlecht ist, sondern weil Ernährung extrem schwer sauber zu messen ist. Wir sprechen über Erinnerungsfehler, Healthy-User-Bias, statistische Spielräume und darüber, warum man mit denselben Datensätzen nahezu jede Ernährungsform „tödlich rechnen“ kann. Wer John Ioannidis kennt, weiß: Nutritional Epidemiology ist kein Skalpell, sondern oft eher ein Ouija-Brett.
Darauf aufbauend nehmen wir uns eine der meistzitierten Studien der letzten Jahre vor: die Longo/Levine-Arbeit aus Cell Metabolism. Sie wird häufig als Beweis gegen hohe Proteinzufuhr herangezogen – doch bei genauerem Hinsehen erzählt sie eine deutlich komplexere Geschichte. Wir sprechen darüber, warum der Zusammenhang fast ausschließlich bei tierischem Protein auftritt, welche Rolle Bewegungsmangel und Muskelmasse spielen, warum der Alterscut bei 65 Jahren biologisch plausibel, aber methodisch heikel ist – und weshalb „viel Protein“ nicht automatisch dasselbe bedeutet wie „viel Steak“.
Dann gehen wir eine Ebene tiefer: Was macht Protein eigentlich in unserem Körper? Warum senkt es den Hunger so zuverlässig? Wir erklären, wie GLP-1, CCK, PYY und Ghrelin zusammenspielen, warum proteinreiche Mahlzeiten das Belohnungssystem beruhigen und wieso sie weniger Lust auf süß-fettige Snacks machen. Dabei wird klar: Protein wirkt nicht nur über Kalorien, sondern über Hormone, Neurotransmitter und Stoffwechsel-Signale.
Ein weiterer Schwerpunkt der Folge ist die ketogene Ernährung – jenseits von Biohacking-Mythen. Wir sprechen über ketogene metabolische Therapien bei Krebs, insbesondere bei stark glykolytischen Tumoren, über den Glukose-Keton-Index, laufende klinische Studien und darüber, warum Ketose kein Heilversprechen ist, aber ein spannendes therapeutisches Werkzeug sein kann. Auch Alzheimer und kognitive Leistungsfähigkeit kommen zur Sprache: Ketone als alternative Energiequelle für ein energiearmes Gehirn – mit realistischen Erwartungen und klaren Grenzen.
Am Ende ziehen wir ein Fazit, das bewusst undogmatisch ist: Protein ist kein Gift – aber auch kein Freifahrtschein. Entscheidend sind Quelle, Alter, Bewegung, metabolischer Zustand und Kontext. Eine proteinreiche Ernährung kann Hunger regulieren, Muskelmasse schützen und beim Abnehmen helfen. Sie kann aber in einem bewegungsarmen, fleischlastigen Gesamtmuster auch Teil eines Problems sein.
Wenn dich Ernährung jenseits von Schlagzeilen interessiert, wenn du Studien nicht glauben, sondern verstehen willst – und wenn du wissen möchtest, warum Biologie wichtiger ist als Dogmen – dann ist diese Folge für dich.