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  • Was liest du gerade?

    Im Osten viel Neues

    14.03.2026 | 57 Min.
    Die Schriftstellerin Judith Hermann begibt sich auf die Spurensuche nach
    ihrem Großvater, der schon lange vor ihrer Geburt gestorben ist. Sie
    fährt nach Radom in Polen, wo ihr Großvater als SS-Mann im Zweiten
    Weltkrieg stationiert war. Trotz ihrer Recherchen in örtlichen Archiven
    und Museen findet sie nicht heraus, auf welche Weise ihr Großvater an
    den deutschen Verbrechen gegen die Juden von Radom beteiligt war. Der
    Großvater bleibt eine wirkmächtige Leerstelle in ihrer
    Familiengeschichte. Statt Antworten zu finden, stellt Judith Hermann
    viele Fragen. Warum wurde in ihrer Familie so viel geschrien und
    geschwiegen? Warum fehlen die Worte, um sich der Vergangenheit zu
    nähern? Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester versucht die
    Autorin, Licht in ein über Generationen reichendes Familien-Trauma zu
    bringen. Wir fragen im Podcast: Ist das zu wenig? Weicht sie dem Thema
    der deutschen Schuld damit aus?

    Der Autor Lukas Rietzschel ist schon seit einigen Jahren ein gefeierter
    Chronist der ostdeutschen Provinz. In seinem neuen Roman Sanditz folgt
    er den Mitgliedern der Familie Wenzel durch fünf Jahrzehnte in kurzen
    erzählerischen Szenen, angefangen bei Großmutter Erika, die friedlich
    auf der Gartenbank vor ihrem Haus stirbt bis zu ihrem Enkel Tom, der in
    ukrainischen Schützengräben gegen die Russen kämpft. Dazwischen liegen
    die großen historischen Ereignisse, der Widerstand der DDR-Kirchen gegen
    das System, die Wende, der Kampf um die Hinterlassenschaft der Stasi,
    der Einfall der Westdeutschen in die ostdeutsche Kleinstadt und der
    Lockdown. Wir diskutieren darüber: Gelingt es dem Autor, ostdeutsche
    Geschichte in den kurzen Familienepisoden überzeugend zu erzählen?

    Unser Klassiker ist in dieser Podcast-Folge ein neu aufgetauchtes
    Notizheft des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller aus dem Januar
    1945. Der damals 15-Jährige notiert darin in erstaunlicher Frühreife
    seine Überflieger-Gedanken über die Aufgabe europäischer Dichter und
    Denker.

    Unser Zitat des Monats stammt aus dem autobiografischen Buch Einsamsein
    des Journalisten Daniel Haas.

    Das Team von Was liest du gerade? erreichen Sie unter [email protected].

    Literaturangaben:

    - Judith Hermann. Ich möchte zurückgehen in der Zeit. S. Fischer
    Verlag. 160 Seiten. 23,- Euro.
    - Lukas Rietzschel. Sanditz. dtv Verlag. 480 Seiten. 26,- Euro
    - Heiner Müller. Zeitschrift Sinn und Form (1/2026)
    - Daniel Haas. Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte. Goldmann Verlag,
    221 S., 22,- Euro

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  • Was liest du gerade?

    Gisèle Pelicot will nicht nur Opfer sein

    21.02.2026 | 59 Min.
    In 22 Sprachen erscheinen jetzt die Memoiren von Gisèle Pelicot, in
    langen Interviews ist die 73-jährige Französin überall präsent. In der
    neuen Sachbuchfolge von "Was liest du gerade?" sprechen Maja Beckers und
    Alexander Cammann über ihr Buch "Eine Hymne an das Leben" und das
    Schicksal dieser Frau. Seit dem Prozess in Avignon im Jahr 2024, in dem
    ihr Ex-Mann und fast 50 weitere Täter wegen Vergewaltigung verurteilt
    wurden, ist sie weltbekannt. Wie geht sie selbst mit ihrer Geschichte
    um? Und was ist ihre eigene Botschaft für die geschockte Welt?

    Alle reden über die neue, gefährliche Macht der Ultrareichen, nicht nur
    in Trumps Amerika. Der junge französische Star-Ökonom Gabriel Zucman hat
    in seinem Essay "Reichensteuer. Aber richtig!" eine Idee, wie man
    riesige Vermögen belasten sollte, damit die Kluft zwischen Arm und Reich
    in den westlichen Gesellschaften nicht noch stärker zur Bedrohung für
    die Demokratie wird. Kann sie funktionieren?

    Das Zitat des Monats liefert diesmal die Philosophin Miriam Metze mit
    ihrem Buch "Unerwidert lieben". Erstaunlich, wie viele Denker sich seit
    der Antike über diese traurigen Gefühle Gedanken gemacht haben – und wie
    wenig Sachbücher es über unglückliche Liebe gibt.

    In der Klassikerrubrik stellen wir Reportagen und Erzählungen des
    Schriftstellers Jack London vor, die jetzt in dem Band "Das Erdbeben von
    San Francisco" präsentiert werden: Er war 1906 als Augenzeuge dabei, als
    dieses Ereignis San Francisco komplett zerstörte – eine mythische
    Katastrophe des modernen Amerika, bis heute ein Menetekel für das
    moderne Kalifornien.

    Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter [email protected].
     

    Literaturangaben:

    - Miriam Metze: "Unerwidert lieben". Eine philosophische Tröstung.
    Mairisch, 256 Seiten, 24 Euro
    - Gabriel Zucman: "Reichensteuer. Aber richtig!". Aus dem
    Französischen von Ulrike Bischoff. Suhrkamp, 63 Seiten, 12 Euro
    - Gisèle Pelicot: "Eine Hymne an das Leben. Die Scham muss die Seite
    wechseln". Aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky. Piper,
    256 Seiten, 25 Euro
    - Jack London: "Das Erdbeben von San Francisco. Geschichten aus der
    Bay Area". Übersetzt von Alexander Kluy. Limbus, 96 Seiten, 15 Euro

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  • Was liest du gerade?

    Raus aus dem Dorf, rein in die Stadt

    07.02.2026 | 50 Min.
    Die Regisseurin und Schriftstellerin Lola Randl hatte vor einigen Jahren
    Berlin den Rücken gekehrt und ist in die brandenburgische Provinz
    gezogen. Im uckermärkischen Gerswalde bewirtschaftete die Künstlerin mit
    ihrer Familie einen Garten und schuf einen bekannten Treffpunkt für
    Wochenendausflügler. Gerswalde wurde zum Ort für Berliner Hipster und
    Glückssucher aller Art, die in einem von Japanerinnen betriebenen
    Restaurant zusammenfanden. In ihrem neuen Buch "Der lebende Beweis"
    erzählt Lola Randl literarisch vom Scheitern dieses Lebensprojekts, vom
    distanzierten Verhältnis zu den Einheimischen und brüchigen Beziehungen
    – und von einem Aufbruch ins Ungewisse.
    Der vielfach ausgezeichnete Schriftsteller Michael Wildenhain hingegen
    hat einen opulenten Großstadtroman vorgelegt und entführt uns in das
    düstere West-Berlin Ende der Sechzigerjahre. Erzählt wird in "Das Ende
    vom Lied" aus der Perspektive eines Jugendlichen. Der Vater war mit nur
    einem Bein aus dem Krieg zurückgekehrt, die Mutter war aus dem Osten
    geflüchtet. Und der Junge? Der wächst jetzt inmitten von Ruinen,
    Straßengangs und dreckigen Kneipen auf. Wäre da nicht die Liebe … Und
    wären da nicht so viele politische Ideale in der Luft, die leider
    schnell ins Militante abdriften.
    In unserem Klassiker sprechen wir über das Werk von Annemarie
    Schwarzenbach. Die Freundin von Erika und Klaus Mann war eine
    hinreißende Reisereporterin und hat in den Dreißigerjahren den Nahen
    Osten bereist.
    Unser Zitat des Monats kommt aus dem neuen Roman "Mein gelber Pullover"
    von Ursula März.

    Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter [email protected].

    Literaturangaben:

    - Lola Randl: "Der lebende Beweis". Roman. Matthes & Seitz Verlag,
    Berlin 2026, 188 Seiten, 22 EUR
    - Michael Wildenhain: "Das Ende vom Lied". Roman. Klett-Cotta Verlag,
    Stuttgart 2026, 416 Seiten, 26 EUR
    - Annemarie Schwarzenbach: "Orientreisen. Reportagen aus der Fremde".
    Ebersbach & Simon Verlag, 2017, 141 Seiten, 18 EUR
    - Ursula März: "Mein gelber Pullover". Roman. Piper Verlag, 2026, 176
    Seiten, 22 EUR

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  • Was liest du gerade?

    Weniger Regeln, mehr Action

    24.01.2026 | 1 Std. 5 Min.
    Mehr Freiraum, weniger Zwänge, sich nicht mehr ständig einengen lassen:
    Wer träumt nicht davon? Ob und wie das klappen könnte, darüber sprechen
    Maja Beckers und Alexander Cammann in der neuen Sachbuchfolge von "Was
    liest du gerade?": Der Soziologe Hartmut Rosa hat über dieses Problem
    sein neues, bereits viel diskutiertes Buch "Situation und Konstellation"
    geschrieben. Wie können wir überhaupt noch selbstständig handeln, wenn
    die Spielräume in der Gesellschaft immer kleiner werden? 

    Familiengeschichten boomen, gerade wenn es um die Verstrickung der Ahnen
    in den Nationalsozialismus geht. Christina Strunck hat daraus ein
    faszinierendes, erschütterndes Projekt gemacht: Minutiös zeichnet sie in
    ihrem Buch "Die Aufsteiger" ein Gesellschaftsporträt am Beispiel der
    Kleinstadt Sprendlingen in der Nazizeit – und rekonstruiert die dunklen
    Flecken in einer ganz normalen deutschen Familie. 

    Das Zitat des Monats liefert diesmal Amanda Montell in ihrem Buch
    "Cultish. Fanatische Sprache und woran wir sie erkennen": Bei der
    Lektüre merkt man, wie wichtig Sprache für unsere Identität ist. 

    In der Klassikerrubrik stellen wir ein Buch vor, das schon 1963 glasklar
    und stilistisch glänzend die Wirkungen rechten Denkens analysierte:
    Fritz Sterns "Kulturpessimismus als politische Gefahr" über den Einfluss
    reaktionärer Intellektueller in Deutschland lange vor 1933. Der 2016
    verstorbene Historiker emigrierte 1938 nach Amerika – pünktlich zum 100.
    Geburtstag des 2016 Verstorbenen wird jetzt sein leider brandaktuelles
    Buch wieder aufgelegt. 

    Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie unter [email protected].
     

    Literaturangaben:

    - Amanda Montell: "Cultish. Fanatische Sprache und woran wir sie
    erkennen". Aus dem amerikanischen Englisch von Florian Kranz und
    Andrea Schmittmann. HarperCollins, 350 Seiten, 25 Euro
    - Christina Strunck: "Die Aufsteiger. Deutscher Mittelstand unter
    Hitler: Eine Familiengeschichte". Rowohlt, 431 Seiten, 28 Euro
    - Hartmut Rosa: "Situation und Konstellation. Vom Verschwinden des
    Spielraums". Suhrkamp, 247 Seiten, 25 Euro
    - Fritz Stern: "Kulturpessimismus als politische Gefahr. Eine Analyse
    nationaler Ideologie in Deutschland". Aus dem Amerikanischen von
    Alfred P. Zeller. Klett-Cotta, 496 Seiten, 25 Euro

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  • Was liest du gerade?

    Vom Morden und vom Lieben

    17.01.2026 | 43 Min.
    Der britische Booker Prize zählt zu den renommiertesten
    Literaturauszeichnungen weltweit. Erhalten hat ihn vor Kurzem David
    Szalay für seinen Roman "Flesh", der auf Deutsch unter dem Titel "Was
    nicht gesagt werden kann" erschienen ist. Iris Radisch und Adam
    Soboczynski sprechen in der neuen Folge des Bücherpodcasts "Was liest du
    gerade?" über dieses hinreißende Werk. Es handelt von István, der mit
    seiner Mutter in einer ungarischen Plattenbausiedlung aufwächst – und
    auf verschlungenen Wegen in die höchsten Kreise Londons gerät. Gelingt
    ihm der soziale Aufstieg? Was bedeutet es heute, männlich zu sein? Ist
    er ein Mörder? Und wenn ja, trotzdem ein guter Mensch? Szalay führt uns
    in die Abgründe menschlicher Existenz.

    Was man auch über Bodo Kirchhoffs umfangreichen Liebesroman
    "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt" sagen kann: Terese reist
    ihrem Mann nach Indien hinterher, um ihn mit seiner Geliebten zu
    erwischen. Kann das gut gehen?
    Unser Klassiker ist diesmal Herman Melvilles berühmte Erzählung
    "Bartleby der Schreiber". Sie handelt vom großen Neinsager der
    Literatur: Sich im Bürojob jeder Tätigkeit zu verweigern, wird hier zum
    Lebensmotto der Moderne schlechthin.

    Unser Zitat des Monats kommt aus dem Erzählungsband "Stories 2" der
    amerikanischen Schriftstellerin Joy Williams.

    Das Team von "Was liest du gerade?" erreichen Sie
    unter [email protected]
    Literaturangaben:

    - David Szalay: "Was nicht gesagt werden kann". Roman. A. d. Engl. v.
    Henning Ahrens. Claassen Verlag, Berlin 2025, 384 Seiten, 25,00 EUR
    - Bodo Kirchhoff: "Nahaufnahmen einer Frau, die sich entfernt". Roman.
    dtv, München 2026, 576 Seiten, 28,00 EUR
    - Herman Melville: "Bartleby, der Schreiber". A. d. Engl. v. Jürgen
    Krug. Insel Verlag, Berlin 2019, 88 Seiten, 14,00 EUR
    - Joy Williams: "Stories 2". A.d. Engl. v. Julia Wolf. dtv, München
    2025, 320 Seiten, 26,00 EUR

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Generated: 3/16/2026 - 5:51:52 AM