Die Schriftstellerin Judith Hermann begibt sich auf die Spurensuche nach
ihrem Großvater, der schon lange vor ihrer Geburt gestorben ist. Sie
fährt nach Radom in Polen, wo ihr Großvater als SS-Mann im Zweiten
Weltkrieg stationiert war. Trotz ihrer Recherchen in örtlichen Archiven
und Museen findet sie nicht heraus, auf welche Weise ihr Großvater an
den deutschen Verbrechen gegen die Juden von Radom beteiligt war. Der
Großvater bleibt eine wirkmächtige Leerstelle in ihrer
Familiengeschichte. Statt Antworten zu finden, stellt Judith Hermann
viele Fragen. Warum wurde in ihrer Familie so viel geschrien und
geschwiegen? Warum fehlen die Worte, um sich der Vergangenheit zu
nähern? Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrer Schwester versucht die
Autorin, Licht in ein über Generationen reichendes Familien-Trauma zu
bringen. Wir fragen im Podcast: Ist das zu wenig? Weicht sie dem Thema
der deutschen Schuld damit aus?
Der Autor Lukas Rietzschel ist schon seit einigen Jahren ein gefeierter
Chronist der ostdeutschen Provinz. In seinem neuen Roman Sanditz folgt
er den Mitgliedern der Familie Wenzel durch fünf Jahrzehnte in kurzen
erzählerischen Szenen, angefangen bei Großmutter Erika, die friedlich
auf der Gartenbank vor ihrem Haus stirbt bis zu ihrem Enkel Tom, der in
ukrainischen Schützengräben gegen die Russen kämpft. Dazwischen liegen
die großen historischen Ereignisse, der Widerstand der DDR-Kirchen gegen
das System, die Wende, der Kampf um die Hinterlassenschaft der Stasi,
der Einfall der Westdeutschen in die ostdeutsche Kleinstadt und der
Lockdown. Wir diskutieren darüber: Gelingt es dem Autor, ostdeutsche
Geschichte in den kurzen Familienepisoden überzeugend zu erzählen?
Unser Klassiker ist in dieser Podcast-Folge ein neu aufgetauchtes
Notizheft des 1995 verstorbenen Dramatikers Heiner Müller aus dem Januar
1945. Der damals 15-Jährige notiert darin in erstaunlicher Frühreife
seine Überflieger-Gedanken über die Aufgabe europäischer Dichter und
Denker.
Unser Zitat des Monats stammt aus dem autobiografischen Buch Einsamsein
des Journalisten Daniel Haas.
Das Team von Was liest du gerade? erreichen Sie unter
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Literaturangaben:
- Judith Hermann. Ich möchte zurückgehen in der Zeit. S. Fischer
Verlag. 160 Seiten. 23,- Euro.
- Lukas Rietzschel. Sanditz. dtv Verlag. 480 Seiten. 26,- Euro
- Heiner Müller. Zeitschrift Sinn und Form (1/2026)
- Daniel Haas. Einsamsein. Eine Befreiungsgeschichte. Goldmann Verlag,
221 S., 22,- Euro
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