2860 Episoden
- Das Neue Testament ist nicht nur ein Buch der Sanftmut, Barmherzigkeit und Nächstenliebe. Das zeigt das Tagesevangelium aus Lukas 11,47–54, in dem Jesus scharfe Worte gegen Pharisäer und Schriftgelehrte richtet. Für Sandra Huebenthal, Professorin für Exegese und biblische Theologie an der Universität Passau, ist es wichtig, diesen Text im Zusammenhang zu lesen. Jesus wirft den Pharisäern vor, den Zugang zur Erkenntnis zu versperren. Sie errichten Denkmäler für die Väter, die die Propheten ermordet haben und bestätigen damit aus seiner Sicht die Taten ihrer Vorfahren, statt sich mit den Opfern zu solidarisieren. Vom Mord an Abel bis zum Blut des Zacharias spannt der Text einen Bogen durch die Geschichte menschlicher Ungerechtigkeit. Jesu Vorwurf wiegt besonders schwer, weil die Schriftgelehrten anderen den Schlüssel zur Erkenntnis vorenthalten. Dabei ist Jesus im Lukasevangelium gekommen, um Verlorene zu suchen und zu retten. Seine Botschaft markiert eine Zeitenwende und fordert dazu auf, das eigene Denken zu ändern und sich der Nähe Gottes anzuvertrauen.Aus dem Evangelium nach Lukas:In jener Zeit sprach Jesus: Weh euch! Ihr errichtet Denkmäler für die Propheten, die von euren Vätern umgebracht wurden. Damit bestätigt und billigt ihr, was eure Väter getan haben. Sie haben die Propheten umgebracht, ihr errichtet ihnen Bauten. Deshalb hat auch die Weisheit Gottes gesagt: Ich werde Propheten und Apostel zu ihnen senden und sie werden einige von ihnen töten und andere verfolgen, damit das Blut aller Propheten, das seit der Erschaffung der Welt vergossen worden ist, von dieser Generation gefordert wird, vom Blut Abels bis zum Blut des Zacharías, der zwischen Altar und Tempelhaus umgebracht wurde. Ja, das sage ich euch: An dieser Generation wird es gerächt werden. Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert. Als Jesus von dort weggegangen war, begannen die Schriftgelehrten und die Pharisäer, ihn mit vielerlei Fragen hartnäckig zu bedrängen; sie lauerten ihm auf, um ihn in seinen eigenen Worten zu fangen. (Lk 11,47-54)(© Ständige Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet)
- Im Lukasevangelium (11,42–46) kritisiert Jesus die Pharisäer und Gesetzeslehrer. Sie achten penibel auf religiöse Vorschriften, etwa auf die Abgabe des Zehnten von Kräutern und Gemüse, verlieren dabei aber das Wesentliche aus dem Blick: die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Die Zehntabgabe sollte ursprünglich der Versorgung der Priester und Leviten dienen. Jesus wirft seinen Gesprächspartnern vor, sich in der Übererfüllung von Gesetzen zu verlieren und zugleich das eigene Ansehen und ihre Privilegien in den Vordergrund zu stellen. Auch das Bild von den unsichtbaren Gräbern hat einen konkreten Hintergrund: Wer ein Grab berührte, galt als kultisch unrein. Unmarkierte Gräber konnten Menschen unbemerkt verunreinigen. So, erklärt Bibelwissenschaftlerin Sandra Huebenthal, wird die Kritik an der Doppelmoral anschaulich: Menschen predigen moralische Maßstäbe, handeln aber selbst entgegengesetzt. Es gehe jedoch nicht darum, die Pharisäer direkt mit heutigen Personen gleichzusetzen. Vielmehr lade der Bibeltext dazu ein, die eigene Gegenwart kritisch zu betrachten – etwa dort, wo Anspruch und Wirklichkeit auseinanderklaffen.Aus dem Evangelium nach Lukas:In jener Zeit sprach Jesus: Weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen. Weh euch Pharisäern! Ihr liebt den Ehrenplatz in den Synagogen und wollt auf den Straßen und Plätzen gegrüßt werden. Weh euch: Ihr seid wie Gräber, die man nicht mehr sieht; die Leute gehen darüber, ohne es zu merken. Darauf erwiderte ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beleidigst du auch uns. Er antwortete: Weh auch euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an. (Lk 11,42-46)(© Ständige Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet)
- „Diese Generation ist eine böse Generation, weil sie ein Zeichen fordert." Jesu Worte aus Lukas 11,29 klingen hart. Doch Professorin Sandra Huebenthal, Professorin für Exegese und biblische Theologie an der Universität Passau, betont, dass es darauf ankommt, den Text aus dem Zusammenhang zu verstehen. der Prophet Jona, von dem Jesus hier spricht, war einer der Propheten, die kein Zeichen nötig hatten, sondern nur durch ihre Predigten gewirkt haben. Jona steht hier für eine Botschaft, die ohne spektakuläre Wunder auskommt. Jesus kritisiert nicht den Wunsch nach Zeichen, sondern die Haltung, mit der Menschen sie als Beweis oder Kontrolle einfordern. Auch heute sehnen wir uns nach eindeutigen Zeichen, die unseren Glauben bestätigen. Doch oft sind es nicht außergewöhnliche Erscheinungen, sondern persönliche Erfahrungen, Begegnungen oder erfahrene Heilung, die uns überzeugen und unseren Blick verändern.Aus dem Evangelium nach Lukas:In jener Zeit, als immer mehr Menschen zu Jesus kamen, begann er zu sprechen: Diese Generation ist eine böse Generation. Sie fordert ein Zeichen; aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Jona. Denn wie Jona für die Einwohner von Nínive ein Zeichen war, so wird es auch der Menschensohn für diese Generation sein. Die Königin des Südens wird beim Gericht mit den Männern dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Sálomos zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Sálomo. Die Männer von Nínive werden beim Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona. (Lk 11,29-32)(© Ständige Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet)
- Jesus verweigert bei einem Essen mit Pharisäern die rituelle Reinigung vor dem Mahl. Ist Jesus unhöflich? Auf den ersten Blick vielleicht. Doch in der Bibelstelle Lukas 11,37–41 geht es nicht um Hygiene, sondern um kultische Reinheit, erklärt Sandra Huebenthal, Professorin für Exegese und biblische Theologie an der Universität Passau. Jesus unterwirft sich nicht den Reinheitsritualen, die über die Vorgaben der Tora hinausgehen. Stattdessen hält er seinen Gastgebern den Spiegel vor: Sie achten auf die äußere Reinheit, vernachlässigen aber das, worauf es ebenso ankommt – Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.Jesu Aufforderung, Almosen zu geben, richtet den Blick auf die Armen. Es reicht nicht, nach außen den Anschein moralischer oder religiöser Integrität zu erwecken. Entscheidend ist, wie Menschen tatsächlich handeln. Dabei richtet sich die Kritik nicht allein an die Pharisäer. Das Lukasevangelium erzählt für eine wohlhabende Zielgruppe. Auch sie soll sich angesprochen fühlen: Wer die Bibel liest, muss genau hinsehen – und darf die Armen nicht vergessen.Aus dem Evangelium nach Lukas:In jener Zeit lud ein Pharisäer Jesus ein, bei ihm zu essen. Jesus ging zu ihm und begab sich zu Tisch. Als der Pharisäer sah, dass er sich vor dem Essen nicht die Hände wusch, war er verwundert. Da sagte der Herr zu ihm: O ihr Pharisäer! Ihr haltet zwar Becher und Teller außen sauber, innen aber seid ihr voll Raffsucht und Bosheit. Ihr Unverständigen! Hat nicht der, der das Äußere schuf, auch das Innere geschaffen? Gebt lieber als Almosen, was ihr habt; und siehe, alles ist für euch rein. (Lk 11,37-41)(© Ständige Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet)
- Was bedeutet es, „selig“ zu sein? Im Evangelium nach Lukas (11,27–28) wird deutlich: Selig sind diejenigen, die das Wort Gottes hören und es befolgen. Für die katholische Theologin Marie Euteneuer ist das ein Aufruf zu einer bewussten Haltung. Glückseligkeit hängt nicht von Herkunft oder einer zugeschriebenen Nähe zu Gott ab, sondern davon, sich auf Gottes Wort einzulassen und danach zu handeln. Dieses Wort zeigt sich für Euteneuer besonders im Leben Jesu: in der Liebe zu Gott und zum Nächsten und in der Hinwendung zu Menschen am Rand der Gesellschaft. Die Bibel versteht sie dabei nicht als zeitloses Regelwerk, das wortwörtlich auf jede Situation übertragen werden kann. Vielmehr gilt es, die Bibel im jeweiligen historischen und menschlichen Kontext zu lesen. Entscheidend bleibt für sie die Haltung: hören – und dem Gehörten nachfolgen.Aus den Evangelium nach Lukas:In jener Zeit, als Jesus zum Volk redete, erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat! Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen. (Lk 11,27-28)(© Ständige Kommission für die Herausgabe der gemeinsamen liturgischen Bücher im deutschen Sprachgebiet)
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