"Jede Nacht um 12:30 Uhr, wenn das Fernsehen rauscht, lege ich mich aufs Bett und male mir aus, wie es wäre, wenn ich nicht der wäre, der ich bin, sondern Kanzler, Kaiser, König oder Königin." Rio Reiser hat diese Worte gesungen in seinem berühmten Lied "König von Deutschland". Eine satirische Fantasie, ein Spiel mit dem: Was wäre, wenn. "Das alles und noch viel mehr würde ich machen, wenn ich König von Deutschland wär".Solche Gedankenspiele kennen wir manchmal: Was wäre, wenn wir mehr Möglichkeiten hätten, mehr Einfluss, mehr Freiheit oder einfach ein ganz anderes Leben. Solche Bilder nennt man Utopien – Entwürfe einer besseren, oft fiktiven Welt. Schon Thomas Morus hat vor über fünfhundert Jahren mit seinem Buch Utopia einen idealen Staat beschrieben, nicht weil er glaubte, dass es ihn wirklich gibt, sondern um der eigenen Gegenwart einen Spiegel vorzuhalten.Ist das Evangelium auch so eine Utopie – eine schöne Idee, aber letztlich weltfremd? Jesus spricht immer wieder vom Reich Gottes, und er meint damit nicht nur eine ferne Zukunft, nicht ein Irgendwann, sondern eine Gegenwart, die schon begonnen hat. Das Reich Gottes ist kein Wunschtraum, sondern eine Wirklichkeit, die dort aufscheint, wo Menschen anders handeln: nicht Utopie, sondern Realität; nicht Zukunft, sondern jetzt; nicht Wunsch, sondern Verantwortung.Jesus beschreibt ein Reich, das keine Alleinherrschaft ist. Es braucht keine Untertanen, sondern Menschen, die mitwirken, Menschen, die Anteil bekommen an Würde, Freiheit und Verantwortung. "Von Gottes Gnaden", so nannten sich früher die Könige. Das konnte gefährlich werden, wenn menschliches Verhalten einfach auf Gott abgeschoben wurde.Heute gilt dieser Satz ganz anders. Wir alle, jeder von uns, lebt aus Gottes Gnade, und genau deshalb tragen wir Verantwortung. Verantwortung für mein Handeln übernehmen, Gnade vor Recht, verzeihen können, wo es möglich ist, und sorgsam umgehen mit dem, was mir an Fähigkeiten, Begabungen und Möglichkeiten anvertraut ist.Das Reich Gottes entsteht nicht im "Was wäre, wenn", sondern dort, wo Menschen jetzt handeln. Gott traut uns das zu. Du bist König deines Lebens.