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- Ich versuche regelmäßig Blut spenden zu gehen. Das ist mir irgendwie wichtig. Und ehrlich gesagt fühle ich mich danach immer ziemlich gut. Klar, ich habe ja auch etwas Gutes getan. Bei einer meiner ersten Blutspenden bekam ich eine kleine Blechdose mit Minzbonbons geschenkt. Die Bonbons fand ich toll. Und die Dose auch. Die passte perfekt vorne ins kleine Ablagefach im Auto unter dem Radio. Da lag sie dann erstmal ziemlich lange herum. Irgendwann fiel mir auf, dass auf der Dose ein Bild eingeprägt war. Erst wirkte das einfach nur rot-orange auf mich. Das fand ich logisch. Blutspende, DRK – da passten die Farben für mich erstmal einfach zum Design. Aber als ich genauer hinschaute, erkannte ich die Szene sofort. Religionslehrerin eben. Es war der barmherzige Samariter. Ein fremder Mann hilft einem Verletzten, an dem andere längst vorbeigegangen waren. Er versorgt seine Wunden, bringt ihn in ein Gasthaus und bezahlt dafür, dass man sich weiter um ihn kümmert. Dann zieht er weiter. Und irgendwie fand ich den Vergleich zwischen mir und dem Samariter erstmal fast ein bisschen drüber. Ich habe doch nur Blut dagelassen. Mehr nicht. Ich habe noch nicht mal eine besonders seltene Blutgruppe. Ich habe einfach kurz die Augen zugemacht, als die Nadel kam, und danach eine Cola getrunken. Ich habe doch eigentlich gar nichts Besonderes getan. Und trotzdem blieb mir diese Dose lange im Kopf. Vielleicht, weil sie mich an etwas erinnert hat, das ich selbst oft vergesse. Wie oft denken wir eigentlich, wir hätten gar nichts verändert?Dabei wissen wir manchmal überhaupt nicht, was unser kleines Handeln bei anderen bewirken kann.Dabei reicht manchmal schon erstaunlich wenig: Ein bisschen Zeit. Ein offenes Ohr. Eine kleine Geste. Ein paar Worte. Für mich fühlt sich das oft klein an. Fast unbedeutend. Und vielleicht war es für jemand anderen genau das, was gefehlt hat. Der barmherzige Samariter macht ja eigentlich auch nichts Spektakuläres. Er zaubert nicht. Er nimmt dem Verletzten nicht plötzlich allen Schmerz. Er hilft einfach. So gut er eben kann. Und dann geht er weiter. Vielleicht liegt genau darin etwas Segen.Dass Hilfe nicht immer groß sein muss, um etwas zu verändern. Und dass wir oft gar nicht merken, wo wir anderen längst zum Segen geworden sind.
- In den Sommerferien mache ich oft Dinge, zu denen ich sonst nie komme. Zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen beim Arzt. Ich bin da wirklich schlecht drin. Ich vergesse es. Ich ignoriere es. Und manchmal will ich vielleicht auch einfach gar nicht wissen, ob da irgendwas in mir schlummert. Und ehrlich gesagt sitze ich auch einfach unfassbar ungern in Wartezimmern. Vielleicht kennst du das ja? Es ist gar nicht die Langeweile. Die kriegt man heute mit dem Smartphone sowieso besser rum als früher mit den abgegriffenen Zeitschriften auf dem Tisch. Es ist eher dieses Gefühl von: Hoffentlich steckt man sich hier nicht mit irgendwas an. Genau aus dem Grund fällt es mir manchmal auch schwer, in Krankenhäuser zu gehen. Für mich sind das oft Orte potenzieller Ansteckung. Wie widersprüchlich eigentlich. Ich gehe ungern zur Vorsorge und habe gleichzeitig Angst, mich anzustecken. Und vielleicht steckt darin etwas Größeres. Denn Krankheit macht oft einsam. Krankheit grenzt aus. Das merke ich auch in der Schule. Wenn Lernende länger krank waren und zurückkommen, dann sind sie oft erstmal "die, die lange weg waren". Man ist rausgefallen. Man muss wieder Anschluss finden. Und ich merke diese Berührungsängste auch bei mir selbst. Wenn ich im Wartezimmer unruhig auf meinem Stuhl hin und her rutsche. Oder wenn ich manchmal gar nicht möchte, dass andere merken, dass es mir vielleicht selbst nicht gut geht. Krankheit schafft Distanz. Zwischen Menschen. Zwischen dem, was man zeigen will, und dem, was wirklich ist. Und genau deshalb berührt mich Jesus an dieser Stelle so sehr. Denn Jesus hatte diese Berührungsängste nicht. Er hat Menschen berührt, die längst ausgeschlossen waren. Menschen, denen andere lieber aus dem Weg gegangen sind. Kranke Menschen. Einsame Menschen. Menschen, die niemand mehr anfassen wollte. Und genau dort beginnt plötzlich wieder Beziehung. Ich glaube, das ist eines der größten Wunder: Dass Gott keine Angst vor Nähe hat. Keine Angst vor dem, was verletzt, krank oder zerbrochen ist. Gott hält Abstand nicht aus, sondern überwindet ihn.
- Wenn man jetzt in den Ferien an der Autobahnauffahrt Brühl-Süd vorbeifährt, dann sieht man dort morgens oft lange Schlangen. Alle wollen in den Freizeitpark. Ein Ort voller Achterbahnen, Themenwelten und Abenteuer. Wir fahren da auch manchmal mit Schulklassen hin. Ich selbst bin allerdings eher nicht so der Achterbahn-Fan. Mir reicht schon eine kurvige Autofahrt durch die Eifel und mir wird schlecht. Deshalb bin ich oft diejenige, die wartet, während die anderen fahren. Und ehrlich gesagt mag ich das sogar ein bisschen. Nicht das Warten an sich. Aber das Beobachten. Das Staunen. Diese Freizeitparks sind ja mit unglaublich vielen Details gestaltet. Überall Musik, Kulissen und kleine Welten, in die man eintaucht. Beim letzten Besuch in besagtem Freizeitpark stellten sich mein Mann und meine Schwester direkt morgens an einer Achterbahn an. Ich nahm Handys, Taschen und alles, was sonst der Schwerkraft zum Opfer gefallen wäre, holte mir einen Kaffee und setzte mich auf eine Bank. Und dann begann ich einfach die Menschen zu beobachten. Dafür gibt’s in meiner Familie sogar einen extra Begriff. „Äppen“. Ein junger Mann ist mir dabei besonders aufgefallen. Ich musste direkt grinsen. Er betrat diese Themenwelt mit so einer Begeisterung, als wäre er gerade in einem Film angekommen. Der Mund stand offen, die Augen weit aufgerissen. Und bei dieser epischen Musik stemmte er die Hände heroisch in die Hüften. Dabei sah er eigentlich gar nicht so aus wie jemand aus einem Abenteuerfilm. Mit Regenjacke um die Hüfte gebunden und einem Rucksack auf dem Rücken wirkte er eher wie irgendein ganz normaler Besucher. Aber genau das fand ich so schön. Er sah gar nicht so aus, wie er sich scheinbar fühlte. Und die meisten Menschen um ihn herum haben das wahrscheinlich gar nicht bemerkt. Aber ich hatte ihn irgendwie im Blick. Und seine Freude hat mich plötzlich selbst angesteckt. Und vielleicht ist Gott genauso. Vielleicht sieht Gott uns viel genauer, als wir selbst denken. Nicht nur das Außen. Nicht nur das, was andere wahrnehmen. Sondern auch das, was in uns lebendig ist. Unsere Freude. Unser Staunen. Unsere Begeisterung. Vielleicht schaut Gott uns manchmal genau in solchen Momenten an und freut sich einfach mit. Nicht von weit weg. Nicht über uns. Sondern mitten in unserem Leben.
- Kennst du das? Du gehst durch die Stadt. Oder suchend durch den Supermarkt. Und plötzlich fühlt sich alles an deinem Gehen falsch an. Weil da jemand ist, den du kennst. Oder jemand, bei dem du nicht weißt, ob man sich jetzt grüßen müsste.Und auf einmal denkt man über Dinge nach, über die man sonst nie nachdenkt.Wie man geht.Wohin man schaut.Was die Hände machen.Ob man gerade zu schnell läuft.Oder krampfhaft locker wirken will.Plötzlich fühlt sich sogar normales Gehen wie Schauspielern an. Als würden alle hinschauen.In der Psychologie gibt es dafür einen Begriff: Spotlight-Effekt. Weil wir oft glauben, viel stärker im Mittelpunkt zu stehen, als wir es tatsächlich tun.Und ehrlich gesagt: Ich finde dieses Rampenlicht meistens gar nicht schön. Es macht mich eher unsicher. Als würde ich beobachtet statt einfach gesehen.Vielleicht fällt es manchen Menschen deshalb auch schwer, an Gott zu glauben. Weil die Vorstellung unangenehm ist, ständig im Blick zu sein.Ich selbst glaube aber nicht an einen Gott, der mich bloßstellt. Nicht an ein kaltes Scheinwerferlicht, das alles sichtbar macht und mich dabei klein werden lässt. Eher an ein warmes Licht. Eins, das nicht entblößt, sondern Orientierung gibt. Das mich nicht vorführt, sondern freundlich ansieht.Und manchmal reicht mir dieser Gedanke schon, wenn ich mich wieder zu sehr im Blick der anderen verliere. Dass da einer ist, der mich sieht, ohne dass ich mich verstellen muss.Ein Licht, das ich Gnade nenne.
- Heute ist unser Hochzeitstag. Aber nur der "kleine" Hochzeitstag. Ich habe vor einigen Jahren ganz bewusst in den Sommerferien standesamtlich geheiratet. Ich dachte damals: Dann ist das mit dem Namenswechsel für alle einfacher. Und ehrlich gesagt, hatte ich davor schon ein bisschen Angst. Nicht vor der Ehe. Aber davor, plötzlich anders zu heißen. Nicht mehr wie meine Schwester. Nicht mehr wie meine Mutter. Und dann auch noch mit einem Nachnamen, den ständig jemand falsch ausspricht.Ein Name ist eben Identität. Und ich glaube, ich hatte wirklich Sorge, mich plötzlich irgendwie anders zu fühlen. Diese große Identitätskrise blieb allerdings aus.Die standesamtliche Trauung selbst war wunderschön. Es wurde viel gelacht. Freunde standen plötzlich mit Blumen vor der Tür und überraschten uns. Abends wollten wir noch gemeinsam feiern.Und trotzdem saßen mein Mann und ich danach irgendwann alleine im Auto und sagten beide fast gleichzeitig: "Wow … war das jetzt alles?" Nicht enttäuscht. Aber irgendwie überrascht davon, wie normal sich alles anfühlte. Ich war immer noch ich. Und er war immer noch er. Und dann hatte ich plötzlich zwei Wochen Zeit, mich komplett hineinzusteigern, dass die kirchliche Hochzeit jetzt bestimmt DAS große, alles verändernde Ereignis werden müsste. Und ja … irgendwie wurde sie das auch. Bis heute feiern wir beide Hochzeitstage. Einen im August und einen im September. Aber das eigentliche Versprechen, das uns verbindet, das gab es nur einmal.Und vielleicht ist genau das das Besondere an Versprechen. Sie verändern nicht plötzlich den ganzen Menschen. Aber sie schaffen etwas Neues zwischen Menschen. Eine Verbindung. Eine Wirklichkeit, die vorher noch nicht da war. Vielleicht spürt man das gerade deshalb bei einer kirchlichen Trauung so stark. Weil dort nicht nur zwei Menschen nebeneinander stehen und etwas unterschreiben. Sondern weil aus Worten plötzlich etwas Wirkliches wird.Ein "Ich bleibe." Ein "Ich gehe mit." Ein "Ich liebe dich."Und ich glaube, genau dort ist Gott. In diesem Sakrament. In der Wirklichkeit, die die Eheleute sich gegenseitig schenken.
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Mit einem guten Gefühl in den Tag starten: Montag bis Freitag erzählt die Olper Franziskanerin Schwester Katharina von ihren Gedanken über Gott und die Welt. Am Samstag und Sonntag sprechen im Wechsel die Religionslehrerin Vanessa Grbavac und Pfarrer Stefan Wißkirchen. Im Radio um 6.15 Uhr und als Podcast.
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