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- Paul Bartholomäi lädt ein zu einer Fahrt mit einer Art "musikalischer Geisterbahn" des frühen 19. Jahrhunderts. So könnte man die Welt der "Schauerballade" verstehen, in der sich der Komponist und Interpret Carl Loewe so manche Sporen verdiente.
Komponist? Vielleicht doch eher ein musikalischer Krimiautor, der seine Gruseleffekte auf das Sorgfältigste plante und vorbereitete ... Er stand dabei in Konkurrenz zu seinem Altersgenossen Franz Schubert, aber auch zu dem älteren Friedrich Reichardt oder auch dem jüngeren Johannes Brahms und war noch für Richard Wagner hochgeschätztes Vorbild. Alle diese Komponisten lässt Paul Bartholomäi hören und lotet aus, wie sie den Schauer in die Ballade hineinkomponierten. - “Bad Boy of Music“ - und das ist nicht Ludwig van Beethoven, sondern die aus Amerika importierte Skandalnudel, die den Mund immer ein bisschen zu voll nahm, sich gerne von wohlhabenden Damen finanzieren ließ und die europäische Kulturszene im Europa der 1920er Jahre immer wieder schockierte: Wo George Antheil war, da war was los…und der nächste Musikskandal lauerte an den Saaltüren.
“Das Flugzeug“, Antheils zweisätzige Klaviersonate - oder besser: sein Klaviersonätchen -, lässt den Rausch der Geschwindigkeit und den röhrenden Sound der luftgekühlten Zylinder 1921 Musik werden. Musik? Man könnte auch einfach sagen: Krach, und das dürfte dem damals noch sehr abenteuerlichen Fluggerät angemessen gewesen sein - nicht aber dem Konzertsaal, wo man meist noch die überreifen Früchte der musikalischen Spätromantik zu konsumieren pflegte.
Paul Bartholomäi nimmt sich des kleinen Musikmonsters an - also des Klavierstücks wie seines Schöpfers -, lässt andere Werke Antheils anklingen, wirft einen Blick auf den Surrealismus jener Tage und lässt Antheil selbst zu Wort kommen mit einem Ausschnitt aus seiner höchst unterhaltsamen, wenn auch nicht immer ganz glaubhaften Autobiografie “Bad Boy of Music“. Und was in späteren Tagen aus dem kecken Springinsfeld geworden ist…? - Seine Biografie könnte die Vorlage abgeben für einen wilden Polit-Thriller, nur dass die Geschichte leider wahr ist: 1967 wurde der koreanische Komponist Isang Yun vom südkoreanischen Geheimdienst aus West-Berlin entführt und nach Südkorea verschleppt.
In einem Schauprozess angeklagt, zum Tode, später zu "lebenslänglich" verurteilt - und zwei Jahre später durch Bemühungen des deutschen Außenministeriums und weltweite Proteste von Künstlerkollegen wieder freigelassen.
Isang Yuns Musik schlägt eine Brücke von Ost nach West - in einer Zeit, in der so etwas noch nicht so gängig und wohlfeil war wie heute, sondern eher ein Experiment. Welches Orchester kannte sich schon mit Musik aus, in der jeder Ton ein Ereignis ist? In der die im Abendland so wichtig genommene "Form" mit Anfang, Ende und einer nachvollziehbaren melodischen und harmonischen Konstruktion dazwischen kaum eine Rolle spielt? In der das "normale" Sinfonieorchester maximal differenziert ist und durch eine Batterie von Schlagzeug verstärkt wird?
1966, ein Jahr vor seiner Entführung, gelang Isang Yun mit seinem Orchesterstück "Réak" so etwas wie ein Durchbruch. Paul Bartholmäi stellt das Stück vor, richtet den Blick nach Asien, auf die damalige "Neue Musik" mit dem ganz großen "N", aber auch auf die Biografie von Isang Yun - Letzteres in den Worten des Komponisten und Oboisten Heinz Holliger. - Hat die äußerliche Hässlichkeit der portugiesischen Königstochter Maria Barbara etwas mit den 555 Klavierstücken von Domenico Scarlatti zu tun? Paul Bartholomäi kann sich diesen Zusammenhang vorstellen, aber: Nichts Genaues weiß man nicht.
Überhaupt weiß man nicht allzu viel über Domenico Scarlatti, der 1728 aus dem italienischen Musikleben nach Portugal entschwand und den Rest seines Lebens als Privatmusiklehrer der portugiesischen Infantin und nachmaligen Königin von Spanien verbrachte.
Nur einmal, 1738, trat er noch ans Licht der Öffentlichkeit und ließ in der modernen Musikmetropole London 30 "Essercizi per gravicembalo“ drucken, die den Grundstein für die bis heute andauernde Scarlatti-Begeisterung legten, namentlich in England und Frankreich.
Um die faszinierende Musik des Jahrzehnte aufs Cembalo fixierten Komponisten ranken sich zahllose Rätsel: seine seltsame Biografie, der bunte Stil seiner Klavierstücke, die Verwendung von Folklore in dieser für den Hof gedachten Musik oder das Ambiente, in der seine Sonaten gediehen - Paul Bartholomäi stellt sich diesen Fragen und kommt zu überraschenden Thesen. - Die wohl erste Oper Englands war sogleich der große Wurf: "Dido und Aeneas" von Henry Purcell, dem Shooting Star des späten 17. Jahrhunderts, hat alles, was eine barocke Oper braucht: Gesangskultur, saftiges Theaterspiel, bunte Kostüme, Tänze und reichlich Bühnenmaschinerie.
Dabei dauert das obendrein auch psychologisch tiefgehende Werk - das nicht ganz vollständig überliefert ist - nur etwa eine Stunde und empfiehlt sich damit als die möglicherweise kurzweiligste und abwechslungsreichste Oper des Barocks.
Paul Bartholomäi führt durch die einzige "Volloper" des frühverstorbenen "Orpheus Britannicus", zeigt die Kreuzung der antiken Geschichte von Vergil mit Hexenauftritten, wie wir sie von Shakespeare kennen, weist auf die musikalische Vielfalt hin und präsentiert zahlreiche Aufnahmen, die höchst unterschiedliche interpretatorische Ansätze erkennen lassen.
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Über hr2 Notenschlüssel
Klassische Musik – noch Fragen? Paul Bartholomäi gibt ganz persönliche Antworten: In jedem Podcast entschlüsselt er ein anderes Werk, lässt Zusammenhänge hörbar werden, führt in die Welt der Komponisten. Weitere Folgen gibt’s hier ab dem 23. September.
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