89 Episoden
- «Fürchte dich nicht!» Hat ein Bibelvers je so unmittelbar in unsere Zeit gepasst wie dieser ? In dieser Podcast-Folge zur Jahreslosung lassen sich Thorsten und Andi auf die Frage ein, was dieser Vers aus dem Jesajabuch heute für uns bedeuten kann.
Ängste haben eine Geschichte
Zuerst fragen sie nach der grundsätzlichen Bedeutung von Angst in der Geschichte und heute. Angst gehört zum Menschsein. Doch wovor wir uns fürchten, wie wir darüber sprechen und welche Ängste öffentlich Gehör finden, verändert sich. In den letzten Jahren sind in Europa Ängste, die als überwunden galten, zurückgekehrt. Etwa die Angst vor Krieg oder Seuchen. Zugleich entstehen neue, etwa angesichts rasanter technischer Entwicklungen oder der Klimakrise. Leben wir in einem neuen Zeitalter der Angst?
Mit Angst einen guten Umgang zu finden, ist eine Herausforderung für uns alle. Ängste lassen sich schüren und politisch bewirtschaften. Und das ist nicht zuletzt gegenwärtig eine erhebliche Herausforderung.
Trost für ein verunsichertes Volk
Danach dreht sich alles um den Vers der Jahreslosung. Er ist ursprünglich ein prophetisches Wort für das Volk Israel im babylonischen Exil, im 6. Jahrhundert vor Christus. Jerusalem und der Tempel sind zerstört, Menschen wurden verschleppt. Israel erlebt sich als Spielball der Grossmächte. Mit der Heimat ist auch die Gewissheit erschüttert, dass Gott sein Volk schützt.
In diese Verunsicherung hinein erklingt die Jahreslosung. Ihr «Fürchte dich nicht» steht unter der grossen Überschrift dieses Teils des Jesajabuchs: «Tröstet mein Volk!» In der Eroberung des babylonischen Reiches durch den Perserkönig Kyros erkennt der Prophet ein neues Handeln Gottes in dieser Zeit: Das Exil geht zu Ende, für Israel eröffnet sich eine neue Hoffnung in der Heimat.
Ein Gott und eine Menschheit
Mitten in der politischen Ohnmacht gewinnt eine vertiefte Gotteserkenntnis Gestalt: Die Götter, mit denen die Grossreiche ihre Herrschaft rechtfertigen, sind Menschenwerk. Der Gott Israels ist der Schöpfer aller Menschen. Damit öffnet sich ein Horizont, der über die Rettung des eigenen Volkes hinausreicht. Gott ist der Gott aller Menschen.
Die angsterprobte Liebe Gottes ist glaubwürdig
Genauso aufregend wie der entstandene Monotheismus ist die dramatische Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem Volk. Andi und Thorsten zeigen, wie Gott sich seine Liebe zu Israel immer wieder abringen muss, wie er dabei selbst Ängste erfährt und durchlebt. Weil der Gott des christlichen Glaubens angsterprobte Liebe ist, ist sein «fürchte dich nicht, hab keine Angst» zutiefst glaubwürdig,
Das Dossier zur Jahreslosung findest Du hier: https://fokustheologie.ch/stoffwelten-dossiers/jahreslosung2027/ - Kritik an der Kirche - da gibt es angemessene und nötige Formen, aber auch billige, in denen Klischees und Falschinformationen volkssportmässig weitererzählt werden.
Thorsten und Andi haben sich vier Beispiele ausgesucht und stellen dabei fest: Es lohnt sich, auch in den schrillen Tönen die Berechtigung und die Korrekturkraft von Kirchenkritik nicht zu überhören. Und manchmal braucht es schlicht Aufklärung und Fakten zur Gegenkritik.
Los geht's mit dem Vorwurf, dass die Kirche zur Institution erstarrt ist. Eine Kritik, die stark von innerhalb der Kirche kommt, wie sich am Beispiel des reformierten Theologen Emil Brunner zeigt. Ohne spirituelle Dynamik, Bewegung und Gemeinschaft hat Kirche als Institution kaum noch Chancen. Umgekehrt aber auch, denn Institutionen haben wichtige Funktionen.
Weiter geht's mit dem Vorwurf, dass die Kirche als Staatskirche üblen Glaubenszwang ausgeübt hat. Leider ja, aber die Entwicklung von Religions- und Glaubensfreiheit ist ein langer, verwickelter Prozess gewesen.
Drittes Beispiel ist die Hexenverfolgung. Hier zeigt sich die Kirche - wie so oft - als notorische Verbrecherin. Aber war es nicht vor allem der Aberglaube, der ab Mitte des 16. Jahrhunderts in Gesellschaft und richterlicher Obrigkeit zu den Gräueln führte?
Schliesslich geht es um die wissenschaftsfeindliche Kirche. Auch diese Kritik wird billig, wenn übersehen wird, wie der jüdisch-christliche Glaube moderne Naturwissenschaft ermöglich hat.
Eine Podcastfolge für alle, die sich fragen: Was ist gute kirchliche Kritikfähigkeit, und wie kann man billige Kritik abwehren ohne billige Apologetik zu betreiben?
Tipp: Wenn Du auf reflab.ch in der Suchfunktion das Stichwort «Kirchenkritik» oder «Religionskritik» eingibst, findest Du viele passende Beiträge.
Literaturtipp: Für gute Aufklärung in Sachen "Kirche und Gewalt" lohnt sich das Buch von Arnold Angenendt: Toleranz und Gewalt : das Christentum zwischen Bibel und Schwert, Münster 2009. - In dieser Folge von Geist.Zeit sprechen Andi und Thorsten mit Rita Famos, der Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS).
Zuerst geht es um Rita Famos selbst: Wie führte ihr Weg als Pfarrerin und Seelsorgerin an die Spitze der EKS? Ist sie so etwas wie die Bischöfin der Schweizer Reformierten? Und was bedeutet es, als Frau in einer lange von Männern geprägten Kirche Leitung zu übernehmen?
Ihr Buch «Leadership. Weibliche Perspektiven» (2026) gibt Anlass, über die Frauen-Kirche-Bewegung und überhaupt eine Geschichte der Transformation zu sprechen, auf welche die reformierte Kirche stolz sein kann. Denn die Kirche hat sich gerade nicht einem veränderten Zeitgeist angepasst; teilweise ging sie ihm voraus und hat ihn zumindest ein wenig mitgeprägt.
Zugleich formulieren wir im Podcast auch kritische Fragen, die Menschen zur Kirche haben. Hat die reformierte Kirche ihre Mission aus dem Blick verloren, weil sie vor allem gesellschaftlich relevant sein will? Muss sie nicht neu lernen, Glauben und Spiritualität der Mitglieder nicht nur vorauszusetzen, sondern anzuregen und zu fördern?
Oft behauptet wird auch: die Kirche ist zu politisch. Statt in Glaubensfragen deutliche Impulse zu setzen und in der Politik die Vielfalt der Mitglieder und ihrer Überzeugungen zu respektieren, mache die Kirche es scheinbar umgekehrt; sie bekenne Farbe in politischen Debatten – und betont Vielfalt in Glaubensüberzeugungen. Rita Famos kann solche Kritik verstehen und betont zugleich: Wir geben als Kirche nie politische Positionen vor. Wir melden uns zu Wort mit Kritik, mit Argumenten und Abwägungen, nicht um zu bevormunden, sondern um zur Auseinandersetzung und zum mündigen Urteilen zu ermutigen.
Kritik und Auseinandersetzung braucht die Kirche auch mit ihrer eigenen Geschichte. Rita Famos erzählt von ihrer eigenen Entdeckung, dass Reformierten Kirche heute Verantwortung für sexualisierte Gewalt in ihrer Geschichte übernehmen muss.
Am Ende kehren Andi und Thorsten zur Ausgangsfrage zurück: Wer sind wir als Kirche, jetzt schon und auch in Zukunft? Mit Rita Famos suchen sie nach einer Vision für eine Kirche, die nur quantitativ kleiner wird – und ihre wahre Grösse auch in anderer und neuer Gestalt zeigen kann.
Link zum Buch: https://www.tvz-verlag.ch/buch/leadership-9783290187811/?page_id=1 - Wer beim Thema «Kirche» mitreden will, sollte wenigstens ein paar Basics kennen. Thorsten und Andi starten aber nicht mit theologischen Basisinformationen, sondern mit einer soziologischen Perspektive von Aussen, die zum Staunen anregt: Wie kam es, dass unter den Religionen nur das Christentum so etwas wie eine Kirche hervorgebracht hat? Und wie erklärt sich die mittlerweile fast 2000 Jahre dauernde Tradition der christlichen Kirche?
Die beiden Podcaster knüpfen an zentrale Ideen des Sozialphilosophen Hans Joas an: Kirche entsteht, damit gemachte religiöse Erfahrungen erinnert, ermöglicht und weitergegeben werden können. Bewahrt wird damit auch das Ethos einer universalistischen Moral und ihre Ideale wie Menschenwürde und Gewaltlosigkeit. Die Institution Kirche ist die soziale Form, in der diese Ideale gepflegt und tradiert werden, auch gegen Widerstand von innen und aussen.
Im zweiten Teil des Podcast geht es um die grossen Unterschiede zwischen den Kirchenfamilien. Andi und Thorsten geben einen gerafften Überblick über das Kirchenverständnis der römisch-katholischen, orthodoxen, der reformatorischen Kirchen und auch der Pfingtskirchen und charismatisch orientierten Freikirchen. Danach widmen sich die beiden Podcaster den klassischen Eigenschaften von Kirche: Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität. Dabei wird deutlich: Die empirische Kirche hinkt hinter diesen Idealen her. Kirche glaubt nicht nur, sie wird auch geglaubt. Inwiefern ist diese Unterscheidung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche hilfreich, ab wann verkommt sie zu einer fragwürdigen Selbstrechtfertigung?
Am Ende stellen Andi und Thorsten fest: Es gibt richtig gute Gründe, neugierig und staunend zu fragen, was Kirche ist. Einseitig progressive oder konservative Haltungen verfehlen den Reichtum der kirchlichen Tradition bzw. ihre Kraft zu immer neuen Veränderungen. - Kirche - wo bist du? Es gab Zeiten, da hätte die Antwort wahlweise gelautet: Mitten im Dorf. Oder auch: überall, wo es wichtig wird. In den letzten Jahrzehnten hat sich viel verändert. Aktuelle Beispiele zeigen, dass die Bedeutung der Kirchen immer weniger selbstverständlich ist. Aus ihrem eigenen Erleben tragen Andi und Thorsten zusammen, wie sehr ihr eigenes Bild von Kirche dem Wandel unterliegt.
Kirche gibt es in höchst unterschiedlicher Gestalt. Gemeinsam deklinieren die beiden Podcaster Ernst Troeltschs bekannte Unterscheidung der drei Haupttypen von Kirche (Kirche, Sekte, Mystik) durch:
a) Universal-, Volks- oder Staatskirche als das grosse Dach für alle, die lebendige Mitte einer Gesellschaft, wo der Glaube eng verbunden ist mit allen Entwicklungen der Wissenschaft, der Politik und der Kunst und des sozialen Zusammenhalts
b) Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, als Zusammenschluss der Entschiedenen und Überzeugten, als Gegenkultur zu allem, was als Mainstream gilt («Sekte», Freikirche etc.)
c) Kirche als das unsichtbare Reich der individuellen Spiritualität, in der die Einzelnen ihre Gottesbeziehungen leben, ohne sich durch die Dogmen und Regeln der organisierten Religion reinreden zu lassen.
Vieles spricht dafür, dass diese Haupttypen nur im Zusammenspiel darstellen, wie universal, persönlich und gemeinschaftlich der christliche Glaube angelegt ist. Zugleich sehen Andi und Thorsten auch: Troeltschs Traum, dass eine elastisch gemacht Volkskirche alle drei Aspekte miteinander verbinden könne, verblasst heute. Gerade die alle Menschen verbindende Idee der Volks- bzw. Grosskirche scheint immer weniger Menschen einzuleuchten.
Gerade für die Landeskirchen stellt sich neu die bekannte Kinderfrage: Was willst du denn mal werden, wenn du gross bist? Was wollen wir denn als Kirche werden, wenn wir klein sind? Denn klein ist nicht die Antwort.
Wenn die Kirchen nicht mehr die Mitte sind, sondern Minderheit wird, ändert sich vieles. Können wir lernen, diese Frage ohne Krisen- und Katastrophengefühle zu diskutieren? Als offene, ja spannende Herausforderung angesichts einer neuen Phase von Christentum, für die es keine historischen Vorbilder gibt.
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Über Geist.Zeit
«Geist.Zeit»: Der Titel bringt auf den Punkt, was Theologie spannend macht. Geist zeichnet den Menschen und seine Zeit aus. Gott ist Geist, heisst es zugleich in der Bibel. Theologie ist Rede von Gott. Wenn es um Gott geht, geht es auch um uns. Nach Gott fragen, bedeutet immer auch, nach Selbst- und Welterkenntnis streben. Die Wahrheit des christlichen Glaubens kann jeweils nur in einer bestimmten Zeit ausgesprochen und verstanden werden.
«Geist.Zeit» ist ein neuer Theologiepodcast von Fokus Theologie, der Fachstelle für Erwachsenenbildung der Deutschschweizer Reformierten Kirchen.
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