87 Episoden
- In dieser Folge von Geist.Zeit sprechen Andi und Thorsten mit Rita Famos, der Präsidentin der Evangelisch-reformierten Kirche Schweiz (EKS).
Zuerst geht es um Rita Famos selbst: Wie führte ihr Weg als Pfarrerin und Seelsorgerin an die Spitze der EKS? Ist sie so etwas wie die Bischöfin der Schweizer Reformierten? Und was bedeutet es, als Frau in einer lange von Männern geprägten Kirche Leitung zu übernehmen?
Ihr Buch «Leadership. Weibliche Perspektiven» (2026) gibt Anlass, über die Frauen-Kirche-Bewegung und überhaupt eine Geschichte der Transformation zu sprechen, auf welche die reformierte Kirche stolz sein kann. Denn die Kirche hat sich gerade nicht einem veränderten Zeitgeist angepasst; teilweise ging sie ihm voraus und hat ihn zumindest ein wenig mitgeprägt.
Zugleich formulieren wir im Podcast auch kritische Fragen, die Menschen zur Kirche haben. Hat die reformierte Kirche ihre Mission aus dem Blick verloren, weil sie vor allem gesellschaftlich relevant sein will? Muss sie nicht neu lernen, Glauben und Spiritualität der Mitglieder nicht nur vorauszusetzen, sondern anzuregen und zu fördern?
Oft behauptet wird auch: die Kirche ist zu politisch. Statt in Glaubensfragen deutliche Impulse zu setzen und in der Politik die Vielfalt der Mitglieder und ihrer Überzeugungen zu respektieren, mache die Kirche es scheinbar umgekehrt; sie bekenne Farbe in politischen Debatten – und betont Vielfalt in Glaubensüberzeugungen. Rita Famos kann solche Kritik verstehen und betont zugleich: Wir geben als Kirche nie politische Positionen vor. Wir melden uns zu Wort mit Kritik, mit Argumenten und Abwägungen, nicht um zu bevormunden, sondern um zur Auseinandersetzung und zum mündigen Urteilen zu ermutigen.
Kritik und Auseinandersetzung braucht die Kirche auch mit ihrer eigenen Geschichte. Rita Famos erzählt von ihrer eigenen Entdeckung, dass Reformierten Kirche heute Verantwortung für sexualisierte Gewalt in ihrer Geschichte übernehmen muss.
Am Ende kehren Andi und Thorsten zur Ausgangsfrage zurück: Wer sind wir als Kirche, jetzt schon und auch in Zukunft? Mit Rita Famos suchen sie nach einer Vision für eine Kirche, die nur quantitativ kleiner wird – und ihre wahre Grösse auch in anderer und neuer Gestalt zeigen kann.
Link zum Buch: https://www.tvz-verlag.ch/buch/leadership-9783290187811/?page_id=1 - Wer beim Thema «Kirche» mitreden will, sollte wenigstens ein paar Basics kennen. Thorsten und Andi starten aber nicht mit theologischen Basisinformationen, sondern mit einer soziologischen Perspektive von Aussen, die zum Staunen anregt: Wie kam es, dass unter den Religionen nur das Christentum so etwas wie eine Kirche hervorgebracht hat? Und wie erklärt sich die mittlerweile fast 2000 Jahre dauernde Tradition der christlichen Kirche?
Die beiden Podcaster knüpfen an zentrale Ideen des Sozialphilosophen Hans Joas an: Kirche entsteht, damit gemachte religiöse Erfahrungen erinnert, ermöglicht und weitergegeben werden können. Bewahrt wird damit auch das Ethos einer universalistischen Moral und ihre Ideale wie Menschenwürde und Gewaltlosigkeit. Die Institution Kirche ist die soziale Form, in der diese Ideale gepflegt und tradiert werden, auch gegen Widerstand von innen und aussen.
Im zweiten Teil des Podcast geht es um die grossen Unterschiede zwischen den Kirchenfamilien. Andi und Thorsten geben einen gerafften Überblick über das Kirchenverständnis der römisch-katholischen, orthodoxen, der reformatorischen Kirchen und auch der Pfingtskirchen und charismatisch orientierten Freikirchen. Danach widmen sich die beiden Podcaster den klassischen Eigenschaften von Kirche: Einheit, Heiligkeit, Katholizität und Apostolizität. Dabei wird deutlich: Die empirische Kirche hinkt hinter diesen Idealen her. Kirche glaubt nicht nur, sie wird auch geglaubt. Inwiefern ist diese Unterscheidung zwischen sichtbarer und unsichtbarer Kirche hilfreich, ab wann verkommt sie zu einer fragwürdigen Selbstrechtfertigung?
Am Ende stellen Andi und Thorsten fest: Es gibt richtig gute Gründe, neugierig und staunend zu fragen, was Kirche ist. Einseitig progressive oder konservative Haltungen verfehlen den Reichtum der kirchlichen Tradition bzw. ihre Kraft zu immer neuen Veränderungen. - Kirche - wo bist du? Es gab Zeiten, da hätte die Antwort wahlweise gelautet: Mitten im Dorf. Oder auch: überall, wo es wichtig wird. In den letzten Jahrzehnten hat sich viel verändert. Aktuelle Beispiele zeigen, dass die Bedeutung der Kirchen immer weniger selbstverständlich ist. Aus ihrem eigenen Erleben tragen Andi und Thorsten zusammen, wie sehr ihr eigenes Bild von Kirche dem Wandel unterliegt.
Kirche gibt es in höchst unterschiedlicher Gestalt. Gemeinsam deklinieren die beiden Podcaster Ernst Troeltschs bekannte Unterscheidung der drei Haupttypen von Kirche (Kirche, Sekte, Mystik) durch:
a) Universal-, Volks- oder Staatskirche als das grosse Dach für alle, die lebendige Mitte einer Gesellschaft, wo der Glaube eng verbunden ist mit allen Entwicklungen der Wissenschaft, der Politik und der Kunst und des sozialen Zusammenhalts
b) Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen, als Zusammenschluss der Entschiedenen und Überzeugten, als Gegenkultur zu allem, was als Mainstream gilt («Sekte», Freikirche etc.)
c) Kirche als das unsichtbare Reich der individuellen Spiritualität, in der die Einzelnen ihre Gottesbeziehungen leben, ohne sich durch die Dogmen und Regeln der organisierten Religion reinreden zu lassen.
Vieles spricht dafür, dass diese Haupttypen nur im Zusammenspiel darstellen, wie universal, persönlich und gemeinschaftlich der christliche Glaube angelegt ist. Zugleich sehen Andi und Thorsten auch: Troeltschs Traum, dass eine elastisch gemacht Volkskirche alle drei Aspekte miteinander verbinden könne, verblasst heute. Gerade die alle Menschen verbindende Idee der Volks- bzw. Grosskirche scheint immer weniger Menschen einzuleuchten.
Gerade für die Landeskirchen stellt sich neu die bekannte Kinderfrage: Was willst du denn mal werden, wenn du gross bist? Was wollen wir denn als Kirche werden, wenn wir klein sind? Denn klein ist nicht die Antwort.
Wenn die Kirchen nicht mehr die Mitte sind, sondern Minderheit wird, ändert sich vieles. Können wir lernen, diese Frage ohne Krisen- und Katastrophengefühle zu diskutieren? Als offene, ja spannende Herausforderung angesichts einer neuen Phase von Christentum, für die es keine historischen Vorbilder gibt. - Thorsten und Andi schliessen mit dieser Folge die Serie über die Bibel ab – zumindest vorläufig. Sie nehmen einige der Rückmeldungen auf, in denen Hörer:innen auf bleibende Herausforderungen für ihr heutiges Lesen der Bibel aufmerksam gemacht haben.
Ein Knackpunkt betrifft die Balance zwischen historischem Verstehen und persönlicher Anverwandlung biblischer Texte. Dass die Bibel durch wissenschaftliche und historische Auslegung erst einmal fremd und kompliziert wird, ist nötig. Wie aber kommt es zu einer Dynamik, in der uns die Texte wieder nahe kommen, uns berühren und zu Herzen gehen? Andi und Thorsten berichten von persönlichen Erfahrungen und sprechen über gelungene Beispiele, in denen Dekonstruktion und Rekonstruktion zusammenspielen.
Als nächstes gibt es einen Nachschlag zur Podcast-Folge mit Sonja Ammann über die Gewalttexte des Alten Testaments. Andi macht klar, wie brutal manche Gottesbilder der Bibel sind. Er stellt die einflussreichsten theologischen Strategien zum Umgang mit Gottesbildern der Gewalt dar und diskutiert dann mit Thorsten jeweils die Schwächen und Stärken. Auch wenn lange nicht alles zu diesem schwierigen Thema gesagt werden kann, so bleibt am Ende die begründete Überzeugung: Die Texte hatten damals eine wichtige Funktion, auf die wir in unserer gewalthaltigen Zeit nicht verzichten sollten: Sie eröffnen einen Raum, in dem Betroffene einen guten Umgang mit Erfahrungen von Gewalt entwickeln können.
Als dritte Herausforderung nehmen die beiden Podcaster das aktuelle Buch von Michael Roth auf und fragen, ob die Bibel wirklich so gefährlich für die Ethik ist, wie er behauptet. Ist eine Ethik ohne Bezug zur Bibel noch eine theologische Ethik? Welche Rolle kann die Bibel in ethischen Problemen unserer Zeit spielen, die in biblischen Zeiten noch gar nicht da waren? Thorsten plädiert dafür, die Bibel als Ausgangs- und Bezugspunkt zu nehmen und sich von ihr in unserer ethischen Arbeit irritieren und inspirieren zu lassen. Thomas Schlag: Post-digitale Zeiten, KI und die Frage nach dem Menschlichen
05.07.2026 | 1 Std. 13 Min.Seit Jahren beschäftigt sich der Zürcher Prof. für Praktische Theologie, Thomas Schlag, mit den Herausforderungen des digitalen Wandels. Als Direktor des Sonderforschungsbereichs «Digital Religions» an der Universität Zürich beobachtet er die technischen und medialen Entwicklungen unserer Zeit.
Dass sich selbst der Papst der römisch-katholischen Kirche, Leo XIV., in seiner ersten Enzyklika ausführlich zu den Herausforderungen der künstlichen Intelligenz für unsere Zeit äussert, nehmen Andi Loos und Thorsten Dietz zum Anlassen, sich im Podcast Geist.Zeit ausführlich mit Thomas Schlag zu diesen Fragen zu unterhalten.
Thomas Schlag spricht inzwischen von einer post-digitalen Situation. Post- nicht in dem Sinne, dass die Bedeutung dieser Entwicklungen schon wieder nachlässt; im Gegenteil. Digitale Welten sind inzwischen so selbstverständlich, dass sie keine Sonderwelt mehr sind, sondern etwas, was sich auf alle Lebensbereiche auswirkt, auch auf Kirche und Religion. Digitale Selbstverständlichkeiten verändern unsere Kommunikationsgewohnheiten. Sie stellen auch klassische Hierarchien und Expertisen in Frage.
Die neuen Möglichkeiten Künstlicher Intelligenz fordern uns seit einigen Jahren zusätzlich heraus. Die Enzyklika des Papstes «Magnifica Humanitas» ist ein guter Einstieg in das Thema. Durchaus beeindruckt stellt Thomas Schlag fest: Der Papst ist mit diesem Text (der mit viel Expertise im Hintergrund verfasst wurde) auf der Höhe der heutigen Entwicklungen. Er stellt wichtige Fragen, die für uns wesentlich sind.
Wer sind wir Menschen angesichts der rasanten Entwicklungen? Müssen wir der Möglichkeit ins Auge sehen, dass sehr viele von uns ersetzbar sind oder gemacht werden? Es ist eindrücklich, wie der Papst unter dem Titel der grossartigen Menschheit unsere Verletzlichkeit betont. Das ist nicht unsere Schwäche – sondern unsere Stärke. Nur angesichts unserer Grenzen entwickeln wir die Fähigkeit zu Solidarität, zu Fürsorge und Mitgefühl. Es ist mehr denn je entscheidend, diese Merkmale nicht verdrängen zu wollen.
Überzeugend findet Schlag auch die päpstliche Kritik an den Machtverhältnissen, die im Hintergrund besteht. Das Stichwort der «Entwaffnung» der Künstlichen Intelligenz ist notwendig, vor allem wenn man bedenkt, wie stark technischen Entwicklungen heute auch mit der militärischen Aufrüstung unserer Zeit verbunden sind.
Weiterführende Links:
Zum Forschungsbereich «Digital Religions» geht es hier: (https://www.digitalreligions.uzh.ch/de.html)
Hier (https://www.vatican.va/content/leo-xiv/de/encyclicals/documents/20260515-magnifica-humanitas.html) findet sich die Enzyklika «Magnifica Humanitas» von Papst Leo XIV
KI und Digitalität ist auf bei RefLab eine eigene Themenwelt: https://www.reflab.ch/category/themenwelten/digitalisierung-und-ki/.
Dort findest Du zwei aktuelle Podcastfolgen zum Thema:
«Himmel und Erdung»: Johanna di Blasi spricht mit Thomas Schlag und Sina Horner über neuste Forschungsergebnisse zur Nutzung von KI bei persönlichen Lebensfragen: Wenn der Algorithmus zum Seelsorger wird – Studie von «Digital Religion(s)» (https://www.reflab.ch/wenn-der-algorithmus-zum-seelsorger-wird-digital-religions/)
Und auch Manuel Schmid und Stefan Jütte sprechen in ihrem Podcast «Ausgeglaubt» über die Enzyklika des Papstes: Papst Leo, die KI und wir (https://www.reflab.ch/papst-leo-die-ki-und-wir/)
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Über Geist.Zeit
«Geist.Zeit»: Der Titel bringt auf den Punkt, was Theologie spannend macht. Geist zeichnet den Menschen und seine Zeit aus. Gott ist Geist, heisst es zugleich in der Bibel. Theologie ist Rede von Gott. Wenn es um Gott geht, geht es auch um uns. Nach Gott fragen, bedeutet immer auch, nach Selbst- und Welterkenntnis streben. Die Wahrheit des christlichen Glaubens kann jeweils nur in einer bestimmten Zeit ausgesprochen und verstanden werden.
«Geist.Zeit» ist ein neuer Theologiepodcast von Fokus Theologie, der Fachstelle für Erwachsenenbildung der Deutschschweizer Reformierten Kirchen.
Podcast-WebsiteHöre Geist.Zeit, Worthaus Podcast und viele andere Podcasts aus aller Welt mit der radio.de-App

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