Die Ich-Erzählerin macht sich weitreichende Gedanken. Über das Volk, dem sie angehört, soziologische Fragen, psychologische, auch musikalische, vor allem zum Gesang. Da gibt es nämlich diese Josefine, die behauptet, singen zu können. Doch ist es überhaupt ein Singen, nicht eher ein Pfeifen? Nur weil sich jemand „feierlich hinstellt, um nichts anderes als das Übliche zu tun“, ist sie doch keine Künstlerin. Oder doch? Die Erzählerin ist sich da nicht sicher. So sei Nüsseknacken „wahrhaftig keine Kunst“, erläutert sie, „deshalb wird es auch niemand wagen, ein Publikum zusammenzurufen und vor ihm, um es zu unterhalten, Nüsse knacken. Tut er es dennoch und gelingt seine Absicht, dann kann es sich eben doch nicht nur um bloßes Nüsseknacken handeln. Oder es handelt sich um Nüsseknacken, aber es stellt sich heraus, dass wir über diese Kunst hinweggesehen haben, weil wir sie glatt beherrschten, und dass uns dieser neue Nussknacker erst ihr eigentliches Wesen zeigt, wobei es dann für die Wirkung sogar nützlich sein könnte, wenn er etwas weniger tüchtig im Nüsseknacken ist als die Mehrzahl von uns.“
Das Volk der Mäuse hat offenbar ein komplexes Verhältnis zur Gesangskunst und zu seiner Sängerin, der zarten und meist schweigsamen Josefine. Trotz seiner „Unmusikalität“ meint es, Josefines Gesang zu verstehen, was sie vehement verneint. Im Laufe ihrer Reflexionen fällt der Erzählerin zudem ein, dass ihr Volk über eine „Ahnung dessen, was Gesang ist“, verfügt, denn „in den alten Zeiten“ gab es ihn durchaus. „Sagen erzählen davon und sogar Lieder sind erhalten, die freilich niemand mehr singen kann.“ Nur entspreche diese Ahnung „Josefines Kunst eigentlich nicht“. Hm. Es ist dann auch von väterlichem Schutz die Rede, den das Volk seiner Sängerin biete. Doch Josefine, die als Rebellin gilt, ist natürlich „der gegenteiligen Meinung, sie glaubt, sie sei es, die das Volk beschütze“. „Ich pfeife auf euren Schutz“, sagt sie. „Ja, ja, du pfeifst“, lautet die Antwort ... Dann wieder wird eine „gewisse unerstorbene, unausrottbare Kindlichkeit“ in der Gesellschaft hervorgehoben, denn „eine wirkliche Kinderzeit können wir (...) unseren Kindern nicht geben“. Die Kindlichkeit bleibt im Volk erhalten und davon „profitiert seit jeher auch Josefine“.
So geht es unentwegt zu in Kafkas Text. Sprachlich einzigartig, radikal eigenwillig und ästhetisch hochwertig, mit gewagten, immer überraschenden Wendungen – das alles unterhaltsam dargeboten und sehr, sehr komisch. Es wird gedreht und gewendet, perspektivisch neu betrachtet – ein Vergnügen für Freundinnen und Freunde der modernen Literatur. Und wenn Franz Kafka eine solche Geschichte veröffentlicht, kann man schon vermuten, dass das alles auch mit seiner eigenen Kunst zu tun hat. Das Schreiben ist in den meisten menschlichen Gesellschaften ja etwa so gewöhnlich wie das Nüsseknacken bei Mäusen; doch wenn es so einer wie Franz Kafka tut und sich gewissermaßen „feierlich hinstellt“, um das Ergebnis seines Schreibens zu präsentieren, dann wird es zur Kunst. Es ist der letzte Text, den der Autor schrieb und korrigierte. Er erschien knapp vor seinem Tod im Jahr 1924 und wird für uns gelesen von der famosen Heide Bertram (übrigens selbst so eine Josefine, eine Sängerin!).